Sänger bringen eigene Stühle mit

Wie die Chöre „Sacropops“ aus Waldalgesheim

und „S(w)inging People“ aus Oberdiebach die Corona-Krise meistern

Von Jochen Werner

Immer schön Abstand halten:  Corona-Probe bei den Sacropops im Freien  / Foto: Sacropops

Die einen haben eine Lösung gefunden, die anderen sind noch auf der Suche. Gesangvereine und Themenchöre haben es in Corona-Zeiten alles andere als leicht. Die Abstandsregeln, wonach mindestens drei Meter zwischen zwei Sängern liegen müssen, machen Proben in den bisherigen Übungsräumen unmöglich. Im Sommer konnten die Oberdiebacher S(w)inging People und die Waldalgesheimer Sacropops einige Einheiten nach draußen verlegen. Im Herbst müssen Alternativen her.

Beispiel Sacropops. Der Gospelchor mit seinen 56 aktiven Sängern probt normalerweise im evangelischen Gemeindehaus in der Knappengemeinde Waldalgesheim. Ohne Corona würde der Chor mitten in den Vorbereitungen für sein großes Jubiläumskonzert zum 15jährigen Bestehen stecken, wofür die Keltenhalle reserviert und diverse Chöre zum Gemeinschaftskonzert eingeladen waren. Doch alles kam erst einmal anders.

Anfangs überbrückten die Sacropops die Zwangspause mit einigen digitalen Übungsangeboten, probten im Sommer auf einer Waldwiese in freier Natur, selbstverständlich unter sorgfältiger Einhaltung der geltenden Hygienevorschriften. Der Spaßfaktor war hoch, die Akustik unterschied sich im Freien aber ganz erheblich vom gewohnten Sound.

Aus gut zwei Dutzend Sängern bestehen die S(w)inging People in Oberheimbach1. Alle Auftritte dieses Jahres, auch das eigene Herbstkonzert, sind längst abgesagt. Die Hoffnung geht dahin, vielleicht in der Adventszeit im Freien an der Kirchenmauer von St. Moritz singen zu können. Ansonsten haben die Sänger Zeit. Bis zum Jahr 2022. Dann steht der absolute Höhepunkt an. Der MGV Oberdiebach, zu dem die S(w)inging People gehören, wird 200 Jahre alt. Älter ist kein Gesangverein im Land.

Gemeinschaftliches Proben ist vielen Chormitgliedern ein Herzensanliegen. „Du merkst erst dann, wie sehr dir das gemeinsame Singen gefehlt hat, wenn du wieder mit den anderen zusammen bist. Irgendwie kannst du dabei deinen Akku wieder aufladen“, schwärmte Stefanie Zielke von der Sacropops-Probe, die dieser Tage mit lediglich zwölf Sängern in Schweppenhausen auf freier Wiese stattfand. Kleinere Gruppen seien zwar nicht das, was man sich erwünsche, aber auch nicht schlecht, allein schon wegen des Lerneffektes, so Zielke.

Wie sieht diese Arbeit aktuell aus? An diesem Donnerstagabend proben die S(w)inging People wieder im Schulhof am Petersackerhof. Seinen Stuhl bringt jeder Sänger selbst mit, die jeweiligen Stellen zum Proben hat Chorleiter Thomas Staßen vorher mit Kreide markiert. Masken gehören unbedingt dazu, das Desinfizieren der Hände ohnehin. Und dann? „Es ist nicht der Klang, den du normalerweise kennst“, gibt der Leiter zu. Sagt aber auch: „Am Anfang waren wir skeptischer. Heute müssen wir sagen, dass es funktioniert.“ Zumal, wenn jeder viel mehr mit seinem Gehör arbeitet.

Jetzt steht die dunklere, kühlere Jahreszeit bevor. Die Oberdiebacher haben in der Fürstenberghalle einen Platz gefunden. Jetzt arbeiten sie an einer Übereinkunft mit der Ortsgemeinde. „Wir müssen alle 30 Minuten lüften, haben sonst aber die gleichen Bedingungen wie im Freien“; erklärt Staßen.

Eine solche Lösung haben die Sacropops noch nicht. Bei ihnen heißt es: Proberaum verzweifelt gesucht. Der Corona-bedingte Unterschlupf muss folgende Bedingungen mitbringen: ausreichend groß und beheizbar sein, in einem erreichbaren Umkreis von Waldalgesheim liegen. Und er sollte regelmäßig donnerstagsabends zur Verfügung stehen. Den Sacropops ist noch eines wichtig: Sie wollen ihrem langjährigen Dirigenten Peter Schnur, der als freiberuflicher Musiker auf Einnahmen aus seiner Chorleitertätigkeit angewiesen ist, die Treue halten.

mgv-oberdiebach.de                                sacropops.de

1 Anmerkung der Website-Redaktion: Hier hat ein Fehlerteufelchen zugeschlagen. Richtig müsste es „Oberdiebach“ heißen.

Der Originalartikel erschien am 27. August 2020 in der Mainzer Allgemeinen Zeitung, VRM GmbH & Co. KG, Mainz. Die Genehmigung zur Wiedergabe von Text und Bild auf dieser Webseite wurde am 20. 8. 2020 von Herrn Redakteur Jochen Werner via E-Mail erteilt. Die Sacropops bedanken sich herzlich!

 

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